Peter Moser

Bildung statt Butter

Vom Reden über die Landwirtschaft zehn Jahre nach dem Film «Der Stand der Bauern»

[ 2005 ]

Vor zehn Jahren kam der Dokumentarfilm «Der Stand der Bauern» in die Kinos. Er wurde nicht zuletzt darum so erfolgreich, weil gleichzeitig eine breite Diskussion über die Reform der staatlichen Agrarpolitik im Gange war. Christian Iselis Dokumentarfilm eignete sich offenbar auch als Projektionsfläche: Im Vorfeld der Volksabstimmung vom 12. März 1995 über die drei agrarpolitischen Vorlagen verwiesen Befürworter und Gegner der Agrarreform auf Aussagen und Bilder des Films.

Es ist bekannt, wie die Kontroverse um die Neuausrichtung der Agrarpolitik ausging: Durchgesetzt haben sich diejenigen, die «mehr Markt» und «mehr Ökologie» forderten. Verfassung, Gesetze und Verordnungen sind seither mehrmals umfassend revidiert worden. Und die Massnahmen zeigen auch Wirkung: In den letzten 10 Jahren sanken die Produzentenpreise um rund 25%, mehr als ein Viertel aller Höfe wurde aufgegeben, der Einsatz von Hilfsstoffen ging zurück. Und heute werden viel mehr Nutztiere artgerecht gehalten als in den 1970/80er Jahren.

Selten wurden Reformen in der Schweiz so zügig umgesetzt wie die Agrarreform der 1990er Jahre. Doch die Diskussionen um die Landwirtschaft sind deswegen nicht abgeflaut. Im Gegenteil: In den letzten zwei Jahren spitzte sich die Kritik am Agrarsektor sogar massiv zu. Zum ersten Mal in der Geschichte werden heute nicht nur die Bauern, sondern die Landwirtschaft als ganzer Wirtschaftszweig grundsätzlich in Frage gestellt. Immer mehr Experten sehen in einer radikalen Schrumpfung oder gar Auflösung der Überreste der bäuerlichen Landwirtschaft eine notwendige, wenn nicht gar die entscheidende Voraussetzung für ein kontinuierliches Wachstum der Volkswirtschaft. Slogans wie «Bildung statt Butter» der Jungfreisinnigen stossen in der Öffentlichkeit auf unkritische Zustimmung. Liberale wie der Genfer Anwalt Charles Poncet, die den Agrarsektor vor 20 Jahren noch zu den staatstragenden Pfeilern der Gesellschaft zählten, bezeichnen die Landwirtschaft mittlerweile öffentlich als «Hure», die der übrigen Bevölkerung den zur Überbauung und Erholung notwendigen Boden entziehe. Und einst renommierte Wissenschafter wie Silvio Borner beklagen in der Boulevardpresse, in der Schweiz kosteten drei Kühe die Steuerzahler gleich viel wie ein Schulkind, ohne zu erklären, welchen Sinn ein solcher Vergleich haben soll.

Woran liegt es, dass heute so konfus und hämisch zugleich über die Landwirtschaft geredet wird? Warum werden laufend Wirkungen mit Ursachen und Wunschvorstellungen mit Analysen verwechselt? Wieso sollen Bildung und Ernährung plötzlich ein Gegensatz sein? Was treibt politisch erfolgreiche Leute dazu, derart unsachlich über die Resultate ihrer eigenen Politik her zu fallen? Liegt es wirklich an den Bauern und Bäuerinnen, die heute in der Öffentlichkeit ähnlich stereotypisch dargestellt werden wie Menschen aus der Dritten Welt bis vor ein paar Jahrzehnten? Wohl kaum. Zu diesem Schluss jedenfalls kommt man, wenn man Christian Iselis Nachfolgefilme zum «Stand der Bauern» betrachtet. Die fünf Kurzporträts sind nämlich eine wahre Fundgrube für diejenigen, welche sich nicht nur für die direkten Folgen der neuen Agrarpolitik interessieren, sondern auch dafür, wie Menschen ihre Rahmenbedingungen interpretieren und in ihre Lebenswelten zu integrieren versuchen.

Wer den Film kennt und die fünf neuen Porträts betrachtet, wird zuerst eine ganze Reihe sogenannt «objektiver Tatsachen» feststellen können: Die Kinder sind zu Erwachsenen geworden, die Betriebe wurden vergrössert oder umgestellt und ehemalige Ackerflächen dienen heute als Standort für Tipi-Zelte für künftige Agro-Touristen oder als Weide für Pensionspferde. Es wird auch sichtbar, dass eine artgerechtere Tierhaltung mehr Handarbeit erfordert. Und unübersehbar ist: Diejenigen, die nach wie vor Landwirtschaft betreiben, tun dies auf dem gleichen Hof wie vor 10 Jahren. Auf der Ebene der Phänomene sind also in erster Linie Veränderungen und Kontinuitäten zu beobachten.
Doch wie schon beim «Stand der Bauern» sehen auch bei den Portraits nicht alle dasselbe. Wir nehmen meistens nur wahr, was unserem bewussten oder unbewussten Erkenntnisinteresse entspricht. Selbst wer den Porträtierten wachsam zuhört, ihre Körpersprache genau beobachtet und ihr Umfeld mitbedenkt, deutet das Gesehene und Gehörte zunächst in den eigenen Wahrnehmungskategorien und integriert es in seine bestehenden Vorstellungen von Landwirtschaft und bäuerlicher Bevölkerung. Also werden beispielsweise wachstumsgläubige Ökonomen schnell ihre Annahme bestätigt finden, dass Bauern ihre Betriebe vergrössern wollen. Tier- und Umweltschützer wiederum werden erfreut beobachten, dass Bauern auf Vorschriften und Anreize gleich reagieren wie andere Menschen auch. Und Verbandsvertreter schliessen aus den fehlenden Protesten ihrer Mitglieder wohl erleichtert, dass diese mit der Arbeit der Funktionäre so unzufrieden auch wieder nicht sind.

Wer die Porträts (nur) so liest, verzichtet auf einen erhellenden Einblick in das Verhalten der Bauern, die konkret von der Agrarreform betroffen sind. Die Porträts bieten dazu faszinierende Einsichten: Bauern und Bäuerinnen im Film verhalten sich nicht wie Multiplikatoren; sie haben in den letzten zehn Jahre bemerkenswert viel agiert und bei weitem nicht nur auf Veränderungen re-agiert. In den Porträts sehen wir geradezu exemplarisch, wie «normale» Menschen versuchen, ihr Leben mit Hilfe und im Austausch mit anderen Menschen zu «meistern», wie gesellschaftliche Regeln auf der Ebene der Individuen und Kleingruppen wirken. Und: Wie Menschen Vorgaben, Anreize und Vorschriften wahrnehmen, verarbeiten und in ihren Alltag einbetten.

Dieses in den fünf Kurzfilmen unspektakulär festgehaltene, bemerkenswert eigenständige Verhalten wird bei denjenigen Interesse wecken, die sich für die Lösung von Problemen einsetzen und von der Dynamik des Lebendigen fasziniert sind. Es könnte deshalb sehr wohl sein, dass ausgerechnet die kulturelle Auseinandersetzung mit den Überresten der bäuerlichen Landwirtschaft in der Industriegesellschaft einen ersten Beitrag zur Entstehung jener Diskussion leisten wird, die in den agrarpolitischen Auseinandersetzungen mittlerweile fast vollständig verloren gegangen ist: Die Diskussion über den Sinn und Zweck einer bäuerlichen Nahrungsmittelproduktion. Wie in allen anderen Lebensbereichen ist die Erörterung der Sinnfrage auch im Agrarischen eine unabdingbare Voraussetzung für eine kritische Diskussion der konkreten Erscheinungen. In der Landwirtschaft stellt sich die Sinnfrage dazu besonders intensiv, nehmen die Menschen die Erzeugnisse der Landwirtschaft beim Essen und beim Betrachten der Kulturlandschaften doch buchstäblich in sich auf. Ein Umstand, auf den schon der Ökonom Adam Smith am Ende des 18. Jahrhunderts hinwies, als er schrieb, Sinn und Zweck jeglicher agrarischer Produktion sei der Konsum.

Dass gerade die filmische Annäherung an das Phänomen Landwirtschaft erfolgreich sein kann, hängt auch damit zusammen, dass Kulturschaffende eher an den Auswirkungen als an den Absichtserklärungen interessiert sind. So wird aus den Porträts beispielsweise ersichtlich, dass die Gesellschaft mit der Agrarreform nicht einfach den Druck auf die Landwirtschaft erhöht hat, sondern dass dieser Druck heute ganz andere Auswirkungen hat als vor der Reform. Führte der Zwang zur Effizienzsteigerung der überlebenden Höfe im alten System zu einer Zunahme des Hilfsstoffeinsatzes in der Produktion, so bewirkt er heute eine flächenmässige Vergrösserung der Betriebe. Und als innovativ werden seit der Reform in- und ausserhalb der Landwirtschaft nicht mehr Verbesserungen bei der landwirtschaftlichen Nahrungsmittelproduktion wahrgenommen, sondern der Nebenerwerb oder auf dem Hof erbrachte Dienstleistungen. Tätigkeiten also, die in der Regel der Anfang eines Ausstiegs aus der Nahrungsmittelproduktion sind. So wird zum ersten Mal in der Geschichte der Abbau der bodengebundenen Nutzung von Tieren und Pflanzen als Fortschritt empfunden.

Die Porträtierten beklagen oder verurteilen diese Entwicklung nicht, sie machen sie durch ihr Handeln sicht- und wahrnehmbar. Eine Gesellschaft, die jedes Jahr mehr nicht-erneuerbare Ressourcen verbraucht, könnte die Entwicklung ihrer eigenen Landwirtschaft deshalb aus guten Gründen zum Anlass nehmen, um über ihre eigene Zukunftsfähigkeit nachzudenken.

 

Peter Moser ist Historiker und Leiter
des Archivs für Agrargeschichte

www.agrararchiv.ch


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